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Bestseller-Autor Malcolm Gladwell über Twitter


15. Oktober 2010


Mein Chef JR (nicht der Ölbaron aus DALLAS sondern der mit dem Motorrad) hatte mich vor ein paar Monaten mal gefragt, ob ich eine Buchhandlung aufmachen möchte: Ich hatte nämlich in meiner Spesenabrechnung in einem Monat 2 Rechnungen einer großen Buchhandelskette.

Jetzt ist das natürlich etwas polemisch, wenn es sich um das IT/Internet/Zukunfts-Magazin WIRED handelt oder um das Harvard Business Magazin. Beides für meinen Job nicht ganz unerheblich. Sollte mein Boss aber bei der Oktober-Abrechnung irritiert sein, weil ich nun sogar die 4. Oktober Ausgabe des Kultur, Literatur und Essay-Magazins NEW YORKER einzureichen versuche, könnte ich ihm nicht einmal böse sein.

SOCIAL MEDIA UND REVOLUTION

Wäre da nicht dieser – ziemlich lange – Artikel von Malcom Gladwell über die Social Media Plattform TWITTER u.a.: „Small Change – Why the revolution will not be twittered“. Vielleicht kennen Sie Malcolm Gladwell http://gladwell.com/ : Er ist der Bestseller-Autor des Buches „Tipping Point – How little Things can make a big Difference“ aus dem Jahr 2000 und regelmäßiger Schreiber im NEW YORKER.

In dem Zeitschriften-Artikel vergleicht er die US-Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre im Kampf gegen Rassendiskriminierung mit politischen (Befreiungs-)Bewegungen des aktuellen Jahrhunderts. Bei letzteren fokussiert er sich auf den Einsatz von Social Media Plattformen wie Twitter bei den Aufständen in Moldawien und im Iran. Vor allem darauf, dass der Nutzen von Twitter massiv überschatzt wurde und die angeblichen „Twitter-Revolutionen“ der Neuzeit in erster Linie von westlichen Journalisten erfunden wurden.

Seiner Analyse ist, dass die Aktivisten der 60er Jahre sich vor allem persönlichen kannten, gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen sind und somit sehr enge, einander Stärke gebende Beziehungen hatten. Wobei im Gegensatz dazu die persönlichen Netzwerke via Social Media nur sehr schwache Beziehungen darstellen. Soweit so schlüssig. Ansonsten scheint er aber in eine sehr amerikanische Diskussion abzudriften.

FACEBOOK-AKTIVISMUS

Gladwell zufolge glauben die „Social Media Evangelisten“, dass eine Freund auf FACEBOOK das selbe sei, wie ein richtiger Freund im echten Leben. Wie bitte…? Solche Leute gibt es vermutlich nur in den USA. Und die Erkenntnis, dass „FACEBOOK-Aktivismus“ nicht das gleiche ist, wie tatsächliches politisches Engagement, wirkt auch etwas belanglos.

Malcolm Gladwell ist ein kluger Kopf, seine Überlegungen verdienen Beachtung. Aber irgendwie erinnert mich seine Argumentationslinie an die Kritik von Video-Collaboration. Oft kommt hier der Vorwurf, dass persönliche Kontakte nie durch ein Gespräch via Videokamera und Bildschirm ersetzt werden kann. Ausserdem könne über ein elektronisches Medium nie emotionale Bindung entstehen. Das ganze sei daher überflüssig.

ZULÄSSIGE VERGLEICHE?

Auch hier werden Dinge vermischt die eigentlich gar nicht miteinandern in Konkurrenz treten. Es behauptet ja niemand, dass es NUR mehr Video-Kommunikation geben soll und gar keine persönlichen Meetings/ Geschäftsreisen/ Massen-Events oder ähnliches. Aber WENN man einmal eine persönliche Beziehung aufgebaut hat, DANN lässt sich diese weitaus besser über ein TelePresence-Gespräch in HD-Qualität mit Dolby Surroung und in Lebensgröße pflegen, als zB. durch ein Telefonat, wenn man es aus zeitlichen oder geografischen Gründen nicht schafft sich zu treffen.

Um hier wieder zu Malcolm Gladwell zurück zu kommen: politischer Aktivismus entsteht nur durch persönliches Engagement – nicht durch das Posten von Tweets. Aber einerseits können die Kommunikation, die Vermarktung und auch die Mobilisierung für ein Anliegen durch Social Media verbessert werden. Und andererseits: wenn der Druck groß genug ist werden die Leute auch für ihre Agenda auf die Straße gehen. Siehe zb. die aktuellen Proteste gegen die Einsparungspolitik in Frankreich und in anderen Ländern.

„Armchair Warriors“ sind definitiv keine Erfindung der Neuzeit. Die gab es auch schon vor dem Web 2.0.


 

Wolfgang Fasching-Kapfenberger

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1 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Klarstellung, dass Facebook-Friends nicht Ersatz für real-life Freunde sind, sondern vielmehr unsere Möglichkeiten erweitern, mit unseren Freunden in Kontakt zu bleiben.

    Jedes Werkzeug ist, was sein Besitzer draus macht …